Über das Malen

 

Ein Sechstagrennen. Manchmal länger. Manchmal kürzer.
 

Mit den eigenen Augen auf und in die Welt schauen heißt sofort in Strukturen sehen. Da ist der Baum, da die Pflanze, da das Gesicht, das Wasser, der Berg, die Sonne. Sämtliche Katastrophen haben ebenfalls Strukturen, auch noch im höchsten Chaos. Eines hängt am anderen.

 

Beim Malen stülpen sich meine Augen nach innen, verlassen die Oberfläche  der Leinwand, gehen ins Nirgendwo. Kein Wegweiser weit und breit.
 

Aufregend, gräßlich, schön. Hand, Bewegung, Atem übernehmen. Machen sich über Farben und Materialien her. Die nach innen gestülpten Augen staunen, wollen anfangen den Prozeß zu steuern, scheitern.

Sie baden im Bewußtseinsstrom. Das gefällt ihnen.

Sie legen die Krücke für die vorgeformten Strukturen ab. Jetzt erst kann ein neues Bild entstehen.

Farbseen, Linientänze, Formstempel, Lichtschlünde, Dunkelgräben – jetzt ist alles im Fluss. Neu. Unvorhergesehen. Roh. Zart.
 

Plötzlich alles da. Manches Bild will gar nicht zur Welt kommen. Oft dann, wenn die eingestülpten inneren Augen die Expression nach Außen verweigern. Das kommt vor und ist weiter nicht schlimm. Warten aufs nächste Mal.
 

Wenn ich das Bild vom Vortag betrachte, gibt es Überraschungen: Was ist geschehen, gestern – mission impossible. Wer hat sich das denn ausgedacht?

Ich? Ja, auch ich. Oder?
 

Wer hat die Schuppen auf die Tannenzapfen gesteckt, wer das Gelbe ins Ei-Innere gesetzt, wer die Seidigkeit  in die Libellenflügel gewebt?

Antwort unmöglich. Der Kosmos ist kein technisches Uhrwerk, aber er arbeitet auf seine Weise ebenso präzise.

 

Wenn Malerei gut ist, so ist auf dem entsprechenden Bild etwas von diesem präzisen Vorgang zu sehen.

 

Ich nenne das die realistisch-biomorphe Formensprache.
 

Bei Malern wie Willem de Kooning, Joan Mitchell, Cecily Brown ist das zu sehen. Man kann es auch bei Cy Twombly oder Per Kirkeby wiederfinden, in ihrem symbolisch-poetischen Naturbezug.
 

Jackson Pollock hat einmal gesagt: „Every good artist paints what he is.“ Aber weiß man denn, was man ist?

Gute Frage. Gegenfrage: Hilft das Malen auf diese Frage eine annähernde Antwort zu bekommen? Ich meine ja.

 

Und wie geht es bei mir weiter?

Manchmal wünschte ich, ich hätte mit dem Malen nie angefangen. Denn Malen kann auch ein Fluch sein, man kann nicht mehr aufhören, unabhängig davon, ob es gute oder schlechte Bilder sind.

Jetzt laufe (male) ich nun mal auf der Schiene und freue mich über jeden Betrachter, in dessen Auge das eine oder andere Bild sein Wohlgefallen findet.

Aber eine Frage bleibt noch: Was geschieht in einem, bevor mal malt? Stress, Ruhe, Ehrgeiz oder was !? Welche Vor-Bilder oder Eigen-Bilder sind da, welche Unlust? Was soll das Ganze, das ist die gefährlichste Frage. Letztendlich ist es egal, ob man malt oder nicht, aber manchmal wollen auch Bilder raus, es wäre schade, wenn sie nicht entstehen dürften. Trotzdem ist es unerheblich, ob sie jemand sieht und ob sie jemand gut oder schlecht findet. Dem Bild ist das vollkommen egal, wie es auch den Gedanken egal ist, ob sie gedacht werden. Sie denken sowieso, ob ich will oder nicht. Wenn ich ihnen Zügel anlege, sind sie beleidigt. Nur- wie aus meinen Gedanken Handlungen werden ist meine Sache - dafür trage ich die Verantwortung. Für ein schlechtes Bild übrigens auch.

     Soweit ...